Ruedi Brassel zur Prattler Hochhausdebatte

"Aufwärts - und nicht nur in die Höhe"

Kommentar von Ruedi Brassel zur Gemeinde-Abstimmungen vom 27. 9. 2009

Pratteln hat eine Hochhausdebatte hinter sich. Der Volksentscheid vom 27. September hat nun erste Klarheit gebracht: Der Quartierplan Häring/Coop ist mit 53 Prozent Ja-Stimmen angenommen worden. Nicht eben eine komfortable Mehrheit. Sicherlich keine, die Anlass gibt, in eine Manhattan-Skyline-Euphorie zu verfallen. Die Entscheidung gibt aber ein mehrfaches Signal:

Zunächst ein grünes Licht für den bewilligten Quartierplan. Damit kann an zentraler Lage, bestens vom öffentlichen Verkehr erschlossen, eine Industriebrache verdichtet bebaut werden. Dieses Konzept ist vorbildhaft und muss weiter verfolgt werden.

Zweitens ist das Abstimmungsergebnis ein Fingerzeig für mögliche weitere Hochhausprojekte in Pratteln, es in der vertikalen Dimension nicht zu übertreiben. Denn eines ist klar: Die Zustimmung zum Quartierplan Häring/Coop ist nicht wegen, sondern trotz der Hochhaushöhe erfolgt. Projekte, die unverdrossen auf Maximalismus setzen, riskieren ein Scheitern bei einer Abstimmung über einen anderen, möglicherweise weniger ausgewogenen Quartierplan.

Drittens ist die Zustimmung zum Projekt Häring/Coop eine Absage an jene Kreise, die den Selbstwiderspruch zum politischen Programm erhoben. An jene zum Beispiel, welche die Erschliessung auf dem Blözen abgelehnt hatten mit dem Argument, dass im bestehenden Baugebiet verdichtet gebaut werden müsse, sich aber jetzt gegen den Quartierplan Häring/Coop stellten und selbst im Einwohnerrat den SP-Antrag ablehnten, die Höhe auf 61 Meter zu begrenzen. Die SP Pratteln hat sich mit ihrem kritischen Ja zum Quartierplan konstruktiv positioniert und gerade damit ihre Konsequenz und Glaubwürdigkeit bewiesen.

Pratteln muss und soll sich entwickeln. Die Rahmenbedingungen rund um das Bahnhofareal sind nun geklärt. Klärung ist aber auch im Dorfzentrum nötig. Immerhin hat auch hier das Abstimmungswochenende mit erfreulicher Deutlichkeit einen neuen Schritt in die Wege geleitet: Die Tage des alten Feuerwehrmagazins neben dem Schloss sind gezählt, der Planungskredit für ein neues in der Stockmatt ist bewilligt worden. Als für die Feuerwehr zuständiger Gemeinderat freut es mich besonders, dass der neue Standort mit dem Volksentscheid eine breite Akzeptanz gefunden hat. Nun kann geplant werden.

Was aber ebenfalls ansteht, das ist die Frage der Gestaltung des Dorfzentrums rund um das Schloss. Hier bieten sich viele Chancen. Chancen zur Schaffung einer Parkanlage um Schloss und KSZ, Chancen zur Gesamtgestaltung der öffentlichen Räume um den Schmittiplatz und den Schulhausplatz vor der Dorfturnhalle. Dazu gehört auch die Restaurierung des städtebaulich wichtigen Schloss-Schulhauses, dessen wertvolle Bausubstanz erhalten werden sollte. Einzubeziehen ist auch die Verkehrsberuhigung in diesem Gebiet, mit der auch dem Umfahrungsverkehr durch das Dorf der Riegel geschoben werden könnte.

Wir haben die Chance nicht nur eine, sondern mehrere Win-Win-Situationen schaffen zu können. Dafür braucht es aber die Mitwirkung der Bevölkerung, die Mitwirkung auch der SP. Vielleicht geben diese Möglichkeiten wieder einmal die Gelegenheit zu einer Zukunftswerkstatt im Rahmen unserer Partei. Es braucht unseren konstruktiven Beitrag, damit es aufwärts geht in Pratteln und nicht nur in die Höhe.

 

Wie hoch hinaus?   (Februar 2009)

Wie soll sich Pratteln entwickeln und wie hoch hinaus soll gebaut werden können? Mit diesen Fragen hat sich die SP Pratteln an der letzten Sektionsversammlung beschäftigt. Dies auf hohem Niveau.

Leider wird diese Debatte anderswo so geführt, dass man sich fragen muss, wie tief gewisse Leute gesunken sind. Gewisse Kritiker scheuen sich nicht, die Fakten zu verzerren, falsche Angaben zu machen und das Ganze in völig sachfremde Zusammenhänge zu stellen. So wird – im Zusammenhang mit dem Quartierplan Häring /Coop – etwa behauptet, dass mit den Hochhäusern 5000 Ausländer in diesen Bauten einziehen würden, für die dann der Prattler Mittelstand aufkommen müsse. Dies in einer kürzlich im Dorf verteilten hetzerischen Schmähschrift, die vor allem ein ausländerfeindliches Argumentarium bemüht und behauptet, man verfalle in Pratteln erneut in die Nicht-Planungsfehler der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Dem ist keineswegs so.

Die folgenden Bemerkungen sollen dazu beitragen, dass die notwendige Diskussion über die Entwicklung von Pratteln auf einer sachlichen Ebene geführt werden kann.

  • Wieviel Wohnraum insgesamt in allen Entwicklungsgebieten entstehen wird, kann heute noch nicht gesagt werden. Sicher aber kommt nicht alles auf einen Schlag. Vorerst geht es um den Quartierplan Häring/Coop. Für den gesamten Quartierplan sind nur 70% Wohnnutzung vorgesehen, für den Hochhausturm gar nur etwa 50%. Die im Quartierplan vorgeschriebene maximale Wohnnutzung sieht Wohnraum für 564 Personen vor.

  • Es ist keineswegs das Ziel, die Bevölkerungszahl von Pratteln stark nach oben zu treiben. Der Schwerpunkt der Entwicklung liegt im Bereich der Schaffung von Arbeitsplätzen. Der zusätzlich entstehende Wohnraum dient in hohem Mass dazu, dem Bedürfnis nach mehr Wohnraum pro Person nach zu kommen. Ausserdem soll – gerade im Quartierplan Häring/Coop – der Bedarf an altersgerechten Wohnformen gedeckt werden.

  • Wichtig ist, dass die bauliche Entwicklung in geplanten Bahnen verläuft. Deshalb ist der Spezialrichtpan Salina Raurira entstanden. Deshalb hat der Gemeinderat ein Hochhauskonzept erstellt. Deshalb wird in der Zonenplanung Pratteln Nord und Pratteln Mitte die Gesamtentwicklung ins Auge gefasst.

  • Gerade weil die Planungsvorgaben aufeinander abgestimmt sind, können die Fehler der Sechziger- und der Neunzigerjahre vermieden werden. Zielsetzung ist die Verdichtung dort, wo sie ökologisch und verkehrstechnisch am sinnvollsten ist: im Gebiet um den Bahnhof mit einer maximalen Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr.

  • Von einem Risiko für die Gemeinde und für die Steuerzahler kann im Zusammenhang mit dem Quartierplan Häring/Coop nicht gesprochen werden. Im Gegenteil. Die Realisierung dieses Projekts wertet in einem gut erschlossenen Gebiet die Zentrumszone um den Bahnhof auf und steht im Einklang mit der geplanten Verlängerung der Linie 14 in die Längi.

  • Die verdichtete Bauweise im Bereich des Bahnhofs schont nicht nur die knappen Raumressourcen und die Erholungsgebiete in unserer Gemeinde. Sie bringt es auch mit sich, dass sich ohne grossen zusätzlichen Erschliessungsaufwand eine verhältnismässig grosse Zahl von neuen Steuerzahlenden ansiedeln.

  • Dass sich die Projekte für Hochhäuser sich im Baselbiet vornehmlich auf Pratteln beziehen, liegt an der fast optimalen Verkehrslage. Diese erhöhte Nutzung auf das Gebiet um den Bahnhof zu beschränken, wie das durch das Hochhauskonzept erfolgt, ist sowohl ökologisch also auch verkehrs- und raumplanerisch sinnvoll.

All diese Fakten werden in unter den Tisch gewischt. Die Auseinandersetzung darüber ob im Bereich des Prattler Bahnhofs Hochhäuser entstehen sollen oder nicht muss geführt werden. Sie soll aber auf sachlicher Ebene erfolgen. An den Haaren herbeigezogene ausländerfeindliche Argumente, heraufbeschworene Ängste um Belastungen der Sozialwerke oder gar der absurde Vorwurf an Gemeindepräsident Beat Stingelin, mit seiner Befürwortung des Ausländerstimmrechts würde er einer Ausländer-Zweiklassengesellschaft das Wort reden, gehören nicht in diese Debatte.

Pratteln muss sich entwickeln und wird sich entwickeln – auch in den anderen Teilen des Dorfs. Wir müssen sachlich darüber diskutieren, ob wir - im eng begrenzten Bahnhofgebiet - Hochhäuser wollen und ob sie 60 oder 80 Meter hoch sein dürfen. Man kann unterschiedlicher Meinung darüber sein, ab welcher Höhe diese Hochhäuser das Dorfbild stören. Ich persönlich bin der Meinung, dass es in Pratteln im Interesse einer umweltschonenden Nutzung der Baulandressourcen im vorgesehenen Bereich durchaus ein paar Hochhäuser mit einer Höhe von bis zu 60 oder 70 Meter verträgt.